Einfall- und Reflexionsmessung: Licht auf zwei verschiedene Arten lesen

Ein handgehaltener Belichtungsmesser mit angehobenem weißem Einfalldiffusor, im Fensterlicht neben einer Graukarte gehalten

Geschrieben im von Simon Lehmann Editor

Wie Einfallbelichtungsmesser und Reflexionsbelichtungsmesser Licht unterschiedlich erfassen, wann jeder einzelne seine Stärken hat und warum die Einfall­messung die Mittelgrau-Annahme umgeht.

Jeder Belichtungsmesser beantwortet dieselbe Frage mit einer von zwei grundlegend verschiedenen Messungen. Ein Reflexionsbelichtungsmesser misst das Licht, das vom Motiv abgestrahlt wird; ein Einfallbelichtungsmesser misst das Licht, das auf das Motiv fällt. Der Unterschied ist nicht akademisch. Beide Methoden können für dieselbe Szene um zwei Blendenstufen oder mehr auseinander­liegen, und wer versteht warum, hat eine der häufigsten Ursachen für Fehlbelichtungen bei der Schwarzweißfotografie erklärt.

Ein Schneefeld, zwei Messungen

Stell dir ein sonnenbeschienenes Schneefeld auf einer Rolle HP5 Plus vor, bewertet mit ISO 400. Helles frontales Sonnenlicht ist der Fall für die Sunny-16-Regel: f/16 bei 1/400s, etwa EV 15 bei ISO 100 – das ist dein mess­unabhängiger Plausibilitäts­check, bevor du dem Messwerk vertraust.

Richtest du den kamerainternen Reflexions­messer auf den Schnee, liest er das strahlend weiße Feld und tut das Einzige, was er kann: er rendert dieses Feld als Mittelton. Er gibt dir so etwas wie f/16 bei 1/500s. Hältst du denselben Einfallbelichtungsmesser in die gleiche Sonne, Diffusor Richtung Kamera, ignoriert er die Reflexions­eigenschaft des Schnees vollständig; er erfasst die Beleuchtungs­stärke und liefert dir ungefähr f/8 bei 1/500s. Zwei Blendenstufen Unterschied, an ein und derselben Szene, mit zwei korrekten Messgeräten.

Lies das Ergebnis jetzt auf der Skala des Zonensystems. Die Reflexionsbelichtung setzt den Schnee auf Zone V – Mittelgrau, schmutzig und um etwa zwei Blendenstufen unterbelichtet. Die Einfallbelichtung, zwei Blendenstufen offener, hebt den gleichen Schnee auf Zone VII: strukturiertes Weiß mit Detail, noch im linearen Bereich der Schwärzungskurve von HP5 Plus. Um die Reflexionsmessung von Hand zu korrigieren, öffnest du +2 bis +2,5 Blendenstufen über die Messanzeige hinaus, da Schnee auf Zone VII oder VIII gehört – genau der Sprung von f/16 auf f/8, den dir der Einfallbelichtungsmesser kostenlos geliefert hat.

Was jeder Messer tatsächlich misst

Ein Reflexionsbelichtungsmesser – dazu zählt jeder kamerainterne Messer und jeder Spotmesser – nimmt die Leuchtdichte auf: das Licht, das von der Szene in Richtung Objektiv reflektiert wird. Weil diese Größe von der Reflexionsfähigkeit des Motivs abhängt, kann der Messer nicht wissen, ob ein dunkler Messwert von schwachem Licht oder einer dunklen Oberfläche stammt. Um einen einzigen Belichtungswert zu erzeugen, nimmt er an, dass die gemessene Fläche durchschnittliche Reflexion besitzt, und rendert sie als Zone V.

Ein Einfallbelichtungsmesser befindet sich an der Position des Motivs hinter einer licht­durchlässigen Kuppel und misst die Beleuchtungs­stärke: das Licht, das am Motiv ankommt – unabhängig davon, was das Motiv damit macht. Eine weiße Wand und ein schwarzer Mantel unter derselben Lampe liefern die gleiche Einfallanzeige, weil der Messer keine der beiden Oberflächen zu sehen bekommt. Da er die Belichtung allein aus der Beleuchtungs­stärke ableitet, bildet das Reflexions­vermögen linear auf die Schwärzungskurve des Films ab: Was Mittelgrau ist, landet auf Zone V, ein 90-Prozent-Weiß nahe Zone VII, ein 3-Prozent-Schwarz nahe Zone III – der typische Reflexions­umfang einer gewöhnlichen Szene von etwa sieben Blendenstufen, ohne jede Korrektur deinerseits.

Beide Methoden sind in ISO 2720:1974 normiert, dem Leitfaden zur Produkt­spezifikation für allgemeine fotoelektrische Belichtungsmesser. Die Konstanten darin wurden nicht aus ersten Prinzipien hergeleitet; die Norm legt K und C durch statistische Analyse der Betrachtungs­akzeptanz über viele Testfotos fest – es handelt sich also um Wahrnehmungs­konsens­werte. Die Reflexions­konstante K wird im Bereich 10,6 bis 13,4 empfohlen; in der Praxis verwenden Canon, Nikon und Sekonic K = 12,5, während Minolta, Kenko und Pentax K = 14 nutzen. Dieser Unterschied beträgt etwa 1/6 EV, sodass ein Minolta- oder Pentax-Gehäuse für dieselbe Szene geringfügig weniger belichtet als ein Sekonic. Die Einfall­konstante C hängt vom Empfänger ab: ISO 2720 erlaubt 240 bis 400 Lux für einen flachen Empfänger mit Kosinus­charakteristik (250 ist üblich) und 320 bis 540 Lux für eine hemisphärische Kardioid­kuppel, mit Praxiswerten von 320 (Minolta) bis 340 (Sekonic).

Die Rechnung mit Mittelgrau

Das geläufige „18-Prozent-Grau” entspricht nicht genau dem Wert, auf den sich die Norm tatsächlich bezieht. Der Reflexions­grad, bei dem Reflexions- und Einfall­messung zur gleichen Belichtung führen, berechnet sich als pi × K / C. Für K = 12,5 und einen Flachempfänger mit C = 250 ergibt das pi × 12,5 / 250 = 0,157, also etwa 15,7 %; ein Reflexions­messer für sich genommen entspricht einem Reflexions­grad von ungefähr 12 bis 12,5 %, nicht 18.

Daher ist eine Graukarte kein völlig kostenloses Hilfsmittel. 12-Prozent-Grau ist etwa eine halbe Blendenstufe heller als 18-Prozent-Grau, weshalb eine Messung von einer echten 18-%-Karte um diese halbe Blendenstufe unterbelichtet. Kodak druckt den Hinweis auf die eigene Neutral Test Card R-27: Miss die Mitte der Karte von Kamera­richtung aus, und „erhöhe die angezeigte Belichtung für Motive normaler Reflexion um eine halbe Blendenstufe.” Diese Karte trägt eine 18-%-Grau-Seite und eine 90-%-Weiß-Seite mit Referenz­feldern bei 3 % Schwarz und 90 % Weiß. Die Ausrichtung ist dabei entscheidend: Kodaks Anweisung lautet, die Karte auf einen Punkt zu drehen, der einem Drittel des Winkels zwischen der Kamera-Motiv-Achse und dem Hauptlicht entspricht – bei einem Licht 30 Grad zur Seite und 45 Grad nach oben kippst du die Karte also 10 Grad zur Seite und 15 Grad nach oben.

Auch eine gewöhnliche Szene ist im Mittel nicht neutral. Ansel Adams hält in The Negative fest, dass eine unkompensierte achsiale Reflexions­messung für etwa 85 % typischer Szenen eine Korrektur von +1/3 Blendenstufe erfordert – in die gleiche Richtung wie die Graukarten­korrektur und aus dem gleichen Grund.

Die Hardware benennen

Der Empfänger ist das Teil, das die Arbeit erledigt. Beim Sekonic L-308X integriert die hemisphärische Kuppel (Kardioid­charakteristik) die gesamte Licht­situation über eine Hemisphäre; tauschst du sie gegen den flachen Lumidisc (Kosinus­charakteristik) aus, isolierst du eine einzelne Licht­quelle oder misst eine flache Kopier­ebene – so misst man Licht­verhältnisse oder die Gleichmäßigkeit über eine Vorlage. Ältere Geräte tun dasselbe mechanisch: Die einzieh­bare Lumisphere des Sekonic L-358 oder L-608 fährt für Einfall­messungen aus und wird für kosinus­korrigierte Flach­messungen eingefahren.

Spot-Arbeit ist ein drittes Instrument. Ein Pentax Digital Spot Meter oder ein Sekonic mit 1-Grad-Sucher misst einen kleinen Leuchtdichte-Ausschnitt und erlaubt es dir, einen Ton bewusst zu platzieren. Messe einen tiefen Schatten, in dem du noch Zeichnung haben möchtest, notiere den Wert, und schließe zwei Blendenstufen aus der Mittelgrau-Anzeige des Messers: Dieser Schatten sitzt nun auf Zone III, der untersten Zone, die auf einem Film wie FP4 Plus noch echte Detail­zeichnung hält. Der Einfallbelichtungsmesser misst das Licht; der Spotmesser misst die Szene. Zu wissen, welche Frage man stellt, ist das Ganze der Technik.

Wann die Einfall­messung ebenfalls versagt

Die Einfallmessung „umgeht die Falle nicht vollständig”, denn sie beantwortet eine engere Frage, als es den Anschein hat. Sie misst das Licht am Motiv – und geht daher schief, sobald das Bild nicht von diesem Licht handelt. Ein gegenlichtetes oder streiflich beleuchtetes Motiv wird am frontseitig gehaltenen Diffusor so gemessen, als wäre das Hauptlicht die treibende Kraft, und das Gesicht wird dunkel; Spitzlichter und durchleuchtete Motive wie Glas, Rauch oder ein hinter­leuchtetes Blatt haben kein Oberflächen-Reflexions­vermögen, das der Diffusor stellvertretend erfassen könnte; und ein fernes Land­schafts­panorama, ein Bühnen­darsteller oder alles, woran du körperlich nicht heran­kannst, verweigert dir das Einzige, was die Methode verlangt: einen Diffusor im gleichen Licht wie das Motiv. Es gibt auch den bewussten Fall: Wenn du ein Low-Key-Porträt oder ein Schneefeld als bedrohliches Grau willst, ist eine buchstäblich korrekte Einfall­messung die falsche Antwort – und Spotmesser sowie Zonensystem sind die Mittel, mit denen du die Darstellung wieder in die eigene Hand nimmst.

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